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Telomerase Kreditfaszilität: US Immobilienbesitzer machen Kasse

Die diesjährigen Nobelpreisträger für Medizin wurden für ihre Forschungsarbeiten um ein Enzym ausgezeichnet, das die DNA davor schützt, bei der Zellteilung einen Teil der Erbinformation zu verlieren. Die Enden der Erbgutfäden werden nach einer Verdopplung immer wieder durch das Enzym Telomerase aufgefüllt. Das fortlaufende Auffüllen der DNA durch dieses Enzym verhindert, dass Zellen altern.

Den Statistiken von Freddie Mac über das Kreditvolumen so genannter Cash-Out-Finanzierungen, kann man entnehmen, in welcher Höhe die amerikanische Hausbesitzer in einem Prozess der telomeren Bargeldbeschaffung ihre Geldmittel immer wieder aufgefüllt und ihrem Immobilienbestand extrahiert haben, um Konsumausgaben zu tätigen, vorhandene Konsumentenkredite umzuschulden oder andere Ausgaben vorzunehmen.

Stellt man dieses Finanzierungsvolumen dem Betrag gegenüber, um den sich das US-BIP gegenüber dem Vorjahr verändert hat, wird deutlich, wie stark diese Kredite zum Wachstum der amerikanischen Volkswirtschaft beigetragen haben. In einigen Jahren entsprach das Cash-Out-Finanzierungsvolumen über 40 % der Steigerung des nominalen BIP gegenüber dem Vorjahr.

Der Beitrag der Cash-Out-Finanzierungen am BIP-Wachstum, erlaubt Rückschlüsse darüber, um wieviel Prozentpunkte das US Wirtschaftswachstum aufgeblasen war und in Zukunft geringer ausfallen dürfte.


MfG Helmut Wüllenweber

Bild des Tages

Realisierte (grün) und erwartete (rot) Wertberichtigungen der Banken

Quelle: Global Financial Stability Report
Details zum Bild: Seite 10 des IMF-Berichtes
Leseempfehlung für die ersten 18 Seiten

Flow of Funds: US Verschuldung im Ausland (Q2 2009)

Die Veröffentlichung der Flow of Funds – Daten wurde bereits angesprochen (Flow of Funds Accounts (Q2 2009) – private Haushalte entschulden weiter, öffentliche Haushalte legen nach ); heute folgen nun einige Aspekte der US Verbindlichkeiten im Ausland.

Tabellarische Übersicht:

Tabelle

Die US Verschuldung von 52,8 Bill. USD wird zu 14,6% oder mit 7,716 Bill. USD vom Ausland finanziert.

Im Bild der historische Verlauf:

Die Wachstumsgeschwindigkeit der Auslandverschuldung hat sich deutlich reduziert; im zweiten Quartal 2009 lag sie nur noch bei 1,8% im Vergleich zum Vorjahr. Rückläufig war weiterhin das ausländische Interesse an US Unternehmensanleihen (-12,6%) und Agency Bonds (-16,6%), während langfristige US Staatsanleihen mit einer jährlichen Rate von 34,3% Abnehmer im Ausland fanden.

Nachfolgender Chart zeigt das jährliche Wachstum sämtlicher US Kreditmarktinstrumente:

Zuletzt ein Chart zu den US Treasuries; im zweiten Quartal 2009 hielten Zentralbanken 73,7% von den Anleihen in ausländischer Hand, der Rest lag bei privaten Investoren. Für beide Gruppen ist der nominale Verlauf in Mrd. USD dargestellt, insbesondere der sprunghafter Anstieg der letzten Jahre dürfte Sorgenfalten bei asiatischen Zentralbänkern hervorrufen.

Das PDF Dokument zur US Verschuldung, die vom Ausland gehalten wird, wurde aktualisiert.

das

Alles wird gut – bis es besser wird….

More banks feeling pressure from bad loans
By Wendell Cochran
Sept. 16, 2009

The tide of bad loans and foreclosed properties just keeps rising at the nation’s banks and credit unions, according to an analysis of the most recent federal banking records conducted by the Investigative Reporting Workshop.

At the end of June, troubled assets at the nation’s 8204 banks insured by the Federal Deposit Insurance Corp. totaled more than $323 billion, up from $237 billion six months ago and just $170 billion a year ago.
[Freie Übersetzung: Die 8204 Banken, deren Einlagen bei der Federal Deposit Insurance versichert sind, wiesen Ende Juni [2009] Problemkredite und requirierte Immobilien (troubled assets) von mehr als US $ 323 Mrd. aus, verglichen mit 237 Milliarden Dollar vor einem halben Jahr und nur 170 Milliarden Dollar vor einem Jahr.]

The much smaller credit union sector also has seen large increases in bad loans and foreclosed properties. A year ago, credit unions had about $6.2 billion in troubled assets. At the end of June 2009, that had risen to nearly $10.5 billion.
In the Workshop analysis, troubled assets at banks include loans more than 90 days past due, loans on which banks are no longer claiming interest income (nonaccrual loans) and properties aquired through foreclosure. For credit unions, troubled assets are the combination of loans past due more than 60 days and properties aquired through foreclosure.
And with profits at many banks turning into losses and eating up capital over the past year, the number of institutions with a “troubled asset ratio” of greater than 100 has skyrocketed. In June 2008, only 77 FDIC-insured banks had more troubled assets on their books than they had capital and loan loss reserves. A year later, that figure has climbed to 298. The troubled asset ratio is calculated by dividing total troubled assets by the amount of capital plus loan loss reserves.
Quelle

Bundesbank – Zur Verlustlage der Banken 2008

Alljährlich gibt die Bundesbank eine konsolidierte Analyse zur Ertragslage der deutschen Banken heraus: Die Ertragslage der deutschen Kreditinstitute im Jahr 2008. (Referenz: Text)
Für den eiligen Leser nachstehend einige der Kernergebnisse:

Zunächst zur Ertragslage aller Kreditinstitute. Dazu die Bundesbank:

„Der Jahresüberschuss vor Steuern brach im Vergleich zum Vorjahr [2007] um 45,5 Mrd € ein, sodass erstmals ein Fehlbetrag in Höhe von 25,0 Mrd € ausgewiesen werden musste.“

(Graphik 1) (Text Seite 37)

Wen hat es am stärksten getroffen? Gemessen am Jahresüberschuss vor Steuern – die Großbanken (-17,8 € Mrd.), die Landesbanken (-6,1 € Mrd.), die Realkreditinstitute (-2,9 € Mrd.) und die Banken mit Sonderaufgaben (-3,4 € Mrd.). (Übersicht 2 – rechte Spalte). Man beachte auch die Entwicklung der Betriebsergebnisse (vordere & mittlere Spalten) 2007 vs. 2008 (vor Bewertungsmaßnahmen!).

1. Die Struktur der desolaten Ergebnisse wird noch deutlicher in der folgenden Übersicht, die einzelne Aufwandspositionen in Relation zur „Summe aller Überschüsse im operativen Geschäft“ setzt. (Übersicht 3)

Im operativen Geschäft selbst sollte zunächst einmal die Zeile „Netto-Ergebnis aus Finanzgeschäften“ [= Netto-Ergebnis aus dem Eigenhandel mit Wertpapieren, Finanzinstrumenten, Devisen und Edelmetallen] in Augenschein genommen werden. Alle Kreditinstitute zusammen erwirtschafteten 2008 lt. Bundesbank im Eigenhandel einen Verlust von € 17,6 Mrd. Der größte Teil davon nämlich € 15,4 Mrd. entfiel auf die Großbanken (Text S. 41). Eher beiläufig in der Fußnote 4 auf Seite 41 erwähnt die Bundesbank:

„Durch diese Umwidmungen unterliegen die entsprechenden Wertpapiere nicht mehr dem strengen, sondern dem gemilderten Niederstwertprinzip. Folglich sind im Fall einer vorübergehenden Wertminderung außerplanmäßige Abschreibungen nicht mehr verpflichtend, sondern liegen im Ermessen des jeweiligen bilanzierenden Instituts.“

[Einzelheiten zu dem Thema wann das strenge bzw. gemilderte Niedrigstwertprinzip bei Banken zu gelten hat sind diesem Link und dem Text des § 340 HGB insbesondere §340 f zu entnehmen.]

2. Die nächste Zeile der Übersicht 3, die Aufmerksamkeit verdient, lautet „Bewertungsergebnis“ [in Prozent der Überschüsse des „operativen Ergebnisses“]. Dazu die Bundesbank:

„Der Netto-Bewertungsaufwand (Graphik 4) der deutschen Kreditinstitute für Wertpapiere der Liquiditätsreserve, Forderungen und Kredite erhöhte sich nach einem Anstieg um rund 9,6 Mrd € im Jahr 2007 abermals um nahezu 13 Mrd € und übertraf mit einem Niveau von 36,6 Mrd € somit den bisherigen Höchststand aus dem Jahr 2002 (31,2 Mrd €).“

(Text S. 47)

Diese knapp € 13 Mrd. schlagen sich (siehe Übersicht 3) bei allen Banken mit 34, 2 Prozent des operativen Überschusses nieder am stärksten, bei den üblichen Verdächtigen (Großbanken, Landesbanken, Genossenschaftliche Zentralbanken und Realkreditinstitute).
Zu den Ursachen schreibt die Bundesbank:

„Als Hauptursachen für den massiv gestiegenen Netto-Bewertungsaufwand bei Krediten und Forderungen wurden laut den veröffentlichten Geschäftsberichten deutlich gestiegene Abschreibungen im Auslandsgeschäft infolge der Insolvenz der US-amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers sowie aufgrund der signifikanten Erhöhung einzelner Länderrisiken im Zusammenhang.
mit der Finanzkrise genannt. Für das inländische Kreditgeschäft, dessen Bedeutung für das Bewertungsergebnis jedoch im Berichtsjahr eher eine untergeordnete Rolle gespielt haben dürfte, wurden vor allem die sich als Folge der Finanzkrise ergebenden eintrübenden Konjunkturerwartungen als wesentliche Determinante für eine höhere Risikovorsorge angeführt.“

(Text S. 48)
Und weiter:

„Auch die Risikovorsorge bei den Wertpapieren der Liquiditätsreserve dürfte laut den veröffentlichten Geschäftsberichten primär durch die Finanzmarktturbulenzen beeinflusst gewesen sein. Von größerer Bedeutung dürften hierbei die im Vergleich zum Vorjahr um rund 80% auf insgesamt 8,8 Mrd € gestiegenen und insbesondere durch ausgeweitete Zinsspreads bedingten Kurswertabschreibungen auf festverzinsliche Wertpapiere gewesen sein, die teilweise in das Bewertungsergebnis einflossen. Zudem wurde der Netto-Bewertungsaufwand durch erhöhte Abschreibungen auf Aktien sowie durch Verluste aus dem Verkauf und der Bewertung eigener Aktien belastet. Leicht gestützt wurde das Bewertungsergebnis laut den veröffentlichten Geschäftsberichten bei einzelnen Banken durch die Auflösung von stillen Vorsorgereserven
(gemäß § 340 f HGB).“

(Text S. 49)

Bleibt als letzte bemerkenswerte Position in der Übersicht 3 die Zeile „Saldo der anderen außerordentlichen Erträge und Aufwendungen“. Dazu die Bundesbank:

„Nachdem die „außerordentliche Rechnung“ – bedingt durch einen Einmaleffekt – im Vorjahr noch annähernd ausgeglichen gewesen war, minderte sie die Ertragsrechnung der deutschen Banken im Berichtsjahr ungewöhnlich stark; ihr Saldo sank von 0,1 Mrd € in 2007 auf – 16,9 Mrd 3 in 2008. Entscheidend für diese massive Verschlechterung war das Ergebnis aus dem Finanzanlagengeschäft (– 13,5 Mrd €, nach 5,0 Mrd € im Vorjahr). Hier schlugen in erster Linie im Zusammenhang mit der Finanzkrise stehende Abschreibungen auf Beteiligungen und Wertpapiere des Anlagebestandes zu Buche.“

(Text S. 50)
Übersicht 5 verdeutlicht die Zusammensetzung dieser Position.

Fassen wir zusammen:
Das Ergebnis aller Kreditinstitute betrug 2008 vor Steuern lt. Bundesbank
€ -25 Mrd. (Gegenüber 2007 eine Ergebnisverschlechterung von immerhin 45,5 Mrd. €)
In diesem Ergebnis sind cum grano salis folgende Aufwendung der Finanzkrise direkt oder indirekt zuzurechnen –

-17,6 Mrd. € aus Eigenhandel (Bundesbank Erläuterungen S. 41 ff)
-13,0 Mrd. € aus Netto-Bewertungsaufwand (Bundesbank Erläuterungen S. 47ff)
-16,9 Mrd. € aus „außerordentlicher Rechnung“ (Bundesbank Erläuterungen S. 50 ff)

In toto ergibt diese Mildmädchenrechnung –47,5 Mrd. € (- eine Milchmädchenrechnung ist es, weil die obigen Aufwandspositionen hier nur saldiert (mit Erträgen) und für alle Kreditinstitute konsolidiert ausgewiesen wird (es gab ja auch Kreditinstitute, die kaum von der Finanzkrise betroffen waren und Erträge in diesen Positionen aufzuweisen haben).

Im Kontrast dazu im Januar 2009 SPO:

„Danach besitzen diese Institute “toxische Wertpapiere” im Volumen von knapp unter 300 Milliarden Euro, von denen erst rund ein Viertel abgeschrieben wurde. Der Rest steht noch immer zu mittlerweile illusorischen Werten in den Büchern. Das Finanzministerium selbst geht davon aus, dass der gesamte deutsche Bankensektor Risikopapiere mit einer Summe von bis zu einer Billion Euro in den Büchern führt.“

Tja, looks like – Something’s gotta give :-)

Einen schönen Abend!

Jede Krise hat ihre Schuldigen – hier die Liste der Unschuldigen

Schon Agamemnon klagte gegen den ‚Seher’ Kalchas:

„Unglücksehender, der nie auch ein heilsames Wort mir geredet!
Immerdar nur Böses erfreut dein Herz zu verkünden!
Gutes hast du noch nimmer geweissagt oder vollendet!“

(Homers Ilias, 1. Gesang, 106 ff)

Die Seher der modernen Industriegesellschaft sind die Ökonomen. Und die haben nach Medien und Volkes Meinung versagt. Sie haben die Krise nicht kommen sehen. Und das macht sie schuldig. Auch die Queen war nicht „amused“ und fragte anläßlich eines Besuches der London School of Economics konsterniert: „Why had nobody noticed that the credit crunch was on its way?” Die kollektive Antwort der Ökonomen auf diese einfache Frage der Queen ist hier in Worte gefasst.

Ganz schrecklich war es um den Zustand des professionellen “Obersehers” des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus Zimmermann, im Dezember 2008 bestellt: Er gestand der staunenden Öffentlichkeit: „Wir sollten langsam aufhören, immer neue Horrorprognosen zu produzieren“. Im April 2009 schließlich drohte Zimmermann sogar mit Arbeitsverweigerung wegen seiner ungeeigneten „Werkzeugkiste“: „Sein Institut werde keine Prognose für das kommende Jahr [2010] veröffentlichen“.

Inzwischen hat sich die seherische Kraft und der Arbeitswille des Herrn Zimmermann wieder eingestellt: Gemäß DIW soll die Weltwirtschaft 2010 wieder mit 2 Prozent wachsen! Eingedenk der Agamemnonschen Klage verbreitet er nun lieber gute Nachrichten.

Und vielleicht liegt hier des sprichwörtlichen Pudels Kern? Wer hört schon gerne schlechte Prognosen? Das Leben ist doch auch so schon schwer genug und ändern kann man ohnehin nichts…. Vielleicht sind auch viele der ökonomischen Seher einfach nur rücksichtsvoll und wollen uns nicht mit traumatischen Prognosen belasten?

Alles nicht richtig! Der junge Ökonom D.J. (Dirk) Bezemer der Universität Groningen räumt diesen Verdacht aus der Welt. Es gab Ökonomen, die vor dieser Krise gewarnt haben. Nicht ein oder zwei Stimmen – nein, 12 prominente Ökonomen haben ganz konkret und schriftlich vor der nahenden Krise gewarnt.
Hier die
Liste der weitsichtigen Seher.
(Auf meiner persönlichen Liste wäre auch William H. White – ehemaliger Chefökonom der BIZ erschienen.)

Der gesamte Aufsatz von Bezemer ist unter dem Titel “No One Saw This Coming” nachzulesen.

Merke: “In economics, the majority is always wrong.” [zugeschrieben - John Kenneth Galbraith (1908-2006)]

Ein nicht so neues Spiel – die Verbriefung von Lebensversicherungen

Die New York Times berichtet heute unter dem Titel „Wall Street Pursues Profit in Bundles of Life Insurance“ über die Absicht der Banken Lebensversicherungen aufzukaufen, diese zu bündeln und als strukturierte Anleihen zu verkaufen. Und G&S hat sogar schon einen Index für das zukünftige Geschäft entwickelt.

Das beabsichtigte Modell ist einfach: Kranke oder in Finanznot geratene Personen, die eine Kapital-Lebensversicherung haben, könnten ihren Vertrag verkaufen. Je höher die Wahrscheinlichkeit für das nahe zeitliche Ableben, umso höher der Preis für die laufende Versicherung. Diese Versicherungsverträge würden dann gebündelt und strukturiert. Ein AAA Rating würden jene Verträge erhalten, die krankheits- oder altersbedingt statistisch unmittelbar vor dem „Versicherungsfall“ stehen – und umgekehrt.

Das Geschäft mit Lebensversicherungen und Annuitäten ist keinesfalls neu und hat eine lange Geschichte, die bis ins Mittelalter zurückreicht. „Betting on Lives“ erreichte seinen historischen Höhepunkt in England zwischen 1688 und 1774 als dieses ‚Gesellschaftsspiel’ dann endgültig von englischen Parlament (aus moralischen Gründen) verboten wurde.

Finanztheoretisch interessant ist die Tatsache, dass diese Geschäfte (häufig auch als Mittel der Staatsfinanzierung in Form von Annuitäten und in Kombination mit Lotterien verwendet) mit Lebensversicherungen (oder Tontines) zu einem Zeitpunkt populär wurden, als weder die Sterbestatistik noch die finanzmathematischen / statistischen Grundlagen hinreichend entwickelt waren. Bis ins späte 17. Jahrhundert wurden Lebensversicherungen ohne Berücksichtigung des Alters des Versicherten gehandelt!

[Die mathematische Wahrscheinlichkeitsrechnung begann ja erst mit der Lösung des sog. „Teilungsproblems“ durch Pascal und Fermat nach 1654. Zwar machte der Holländer Jan de Witt um 1671 einen ersten Versuch das Problem der Lebenserwartung zu lösen, aber es war der Engländer Edmund Haley, der mit Sterbedaten der Stadt Breslau 1693 erstmals eine einigermaßen belastbare Sterbetabelle vorlegte, die es dann Abraham de Moivre (Annuities upon Lives, 1725) ermöglichte, die mathematisch korrekte Berechnung zu entwickeln.]

Wir dürfen also gespannt sein, wie die Banken die Verbriefung der Lebensversicherungen angehen werden. Auch wenn die finanzmathematischen Probleme heute gelöst scheinen, die Realität spielt der Wahrscheinlichkeitsrechnung mit den „fat tails“ immer wieder Streiche. Die durchschnittliche Lebenserwartung erhöhte sich im 20. Jh. in den USA um 30 Jahre. In 1910 hatte eine 60-jährige Frau in Deutschland noch eine Lebenserwartung von 14,2 Jahren. Hundert Jahre später waren es knapp 10 Jahre mehr. (Quelle)

Wie würde sich eine globale Epidemie auf die Zahlungsfähigkeit der Versicherer auswirken? Wie die Entwicklung eines Heilmittels gegen Krebs?
Wir dürfen gespannt sein – no risk, no fun!

Einen schönen Sonntagabend!

Mehr Ketzerisches zur Zukunft des Bankgeschäftes

Im Nachgang zu dem Beitrag “Ketzerisches zur Zukunft des Bankgeschäftes“ ein Update aus aktuellem Anlass mit einer Verbeugung an Reinhard, der mich vor einiger Zeit auf Thomas M. Hoenigs Vorschlag aufmerksam gemacht hat.

Thomas M. Hoenig ist Präsident der Federal Reserve Bank von Kansas City und hat am 6. März 2009 und am 21. April 2009 Vorschläge unterbreitet, die dazu geeignet sein sollen Exzesse – wie in der jüngsten Finanzkrise – einzugrenzen und zu vermeiden.

Wir sind noch mitten in den Aufräumarbeiten – Banken und Einleger werden und wurden reihenweise von Staaten und Zentralbanken und einschlägigen Institutionen „gerettet“, „weil die Funktionsfähigkeit des Finanzsystems ein öffentliches Gut ist“ [sic!]und, weil „eigentlich keine der taumelnden Banken wegen ihrer Systemrelevanz insolvent gehen durfte“ so Hannes Rehm (Sprecher des Soffin) in einem sehr erhellenden FAZ-Gespräch. Diese Konstellation „öffentliches Gut“ einerseits und „Systemrelevanz“ andererseits produziert jenen unschönen Effekt, den Ökonomen „moral hazard“ betitelt haben und der geeignet ist das Entstehen von „Finanzblasen“ zu begünstigen. Ein Teufelskreis.

Es gibt allerlei Denkansätze diesen Teufelkreis zu durchbrechen. Der Ansatz „Making Banking Boring“, eng verwandt mit dem Ruf nach stärker Regulierung, oder – an der Systemrelevanz ansetzend – der Vorschlag der „Refragmentation“ also das Ziel Banken in der Größe zu bescheiden (Smaller banks will not make us safer); aber diese Ansätze gehen m. E. am Kernproblem vorbei.

Kein Vorschlag ist jedoch so radikal wie der von Hoenig und keiner – so meine Ansicht – kommt dem Kern des Problems so nahe.

Walter Eucken hat 1952 in seiner „Bibel“ der marktwirtschaftlichen Ordnungspolitik „Grundsätze der Wirtschaftspolitik“ einige konstituierende Merkmale für eine marktwirtschaftliche Wettbewerbsordnung aufgeführt. Er schreibt über das Prinzip der Haftung:

„Die Haftung hat im Aufbau der wirtschaftlichen Gesamtordnung große Funktionen, wenn die Gesamtordnung eine Wettbewerbsordnung sein soll. Dann soll sie die Auslese der Betriebe und leitenden Persönlichkeiten ermöglichen oder erleichtern. Sie soll weiter bewirken, daß die Disposition des Kapitals vorsichtig erfolgt. Investitionen werden um so sorgfältiger gemacht, je mehr der Verantwortliche für diese Investitionen haftet. Die Haftung wirkt insofern also prophylaktisch gegen eine Verschleuderung von Kapital und zwingt dazu, die Märkte vorsichtig abzutasten.“

Soweit es das Bankgeschäft (aber nicht nur dieses) heute betrifft, wird dieses konstituierende Prinzip der Haftung, das Eucken als so wesentlich für eine marktwirtschaftliche Ordnung ansieht, auf zwei Ebenen durchbrochen.

Da ist zunächst die „beschränkte Haftung“ der Eigentümer von Kapitalgesellschaften, die prinzipiell in einer Marktwirtschaft „systemfremd“ ist. (Wer dieses Thema vertiefen möchte greife zu dem Buch des bekannten amerikanischen Journalisten Walter Lippman – „The Good Society“.)
Zwar haften die Eigentümer einer Aktiengesellschaft, aber sie haften eben beschränkt mit ihrem Kapitaleinsatz und nicht unbeschränkt. Damit ist auch das Interesse der Eigentümer an der Art und Risikoneigung der Geschäftsführung weitestgehend reduziert auf die Erzielung eines Ertrages.

Die zweite Ebene auf der das Prinzip der Haftung im Bankgeschäft (und nicht nur dort) zusätzlich durchbrochen ist, manifestiert sich in der Trennung von Eigentum und Management, die heute für die Mehrzahl der großen Kapitalgesellschaften vorherrscht. Das Management riskiert jedoch kein Kapital, sonder allenfalls zukünftiges Einkommen und dies meist nur vorübergehend.

Damit ist aber genau jenes konstituierende Element einer Marktwirtschaft, das (s. o.) wegen der unbeschränkten Haftung, die vorsichtige Disposition des Kapitals und die sorgfältige Planung und Durchführung von Investitionen gewährleisten soll, ausgehebelt.

Und genau an dieser Schwachstelle setzt der Vorschlag von Thomas M. Hoenig an. Hoenigs „Resolution Framework“ will genau diese fehlenden Haftung im Bankensystem wieder herstellen. Unter der Devise „SUCCESS DEPENDS ON FAILURE“ legt Hoenig einen Katalog an Regeln vor, der in der letzten Stufe vorsieht:

“Shareholders at failing banks must lose their investment, and senior management and the board of directors must be replaced for both efficiency and equity purposes. Markets will not be efficient unless those who may benefit from taking risk actions also bear the costs when those actions lead to losses, and equitable treatment requires that the same rules apply to all firms regardless of size.”

(Hoenig, 21-04-09, S. 33)
[Frei übersetzt: Aktionäre fallierender Banken müssen ihr Kapital verlieren, und Vorstand sowie Aufsichtsrat müssen aus Effizienz- und Billigkeitsgründen ersetzt werden. Märkte werden nicht leistungsfähig sein, es sei denn diejenigen, die von Risikomaßnahmen profitieren, tragen auch die Kosten dafür, wenn jene Maßnahmen zu Verlusten führen - wobei der Gleichheitsgrundsatz erfordert, dass die gleichen Richtlinien auf alle Unternehmen unabhängig von der Größe zutreffen.]

Hoenigs Vorschlag läuft also darauf hinaus, die Eigentümer- und Managementhaftung dann wieder einzuführen, wenn das Kind in den sprichwörtlichen Brunnen gefallen ist. Aus meiner Sicht ein richtiger Gedanke, der aber leider erst ansetzt, wenn der Schaden entstanden ist.

Wenn es richtig ist, dass „die Funktionsfähigkeit des Finanzsystems ein öffentliches Gut ist“ (wie Soffin-Chef Rehm s. o. vorträgt), warum sollte man nicht aus der Not eine Tugend machen und die beschränkte persönliche Haftung bei den Eigentümern und dem Management von Banken (ohnehin ein staatliches Privileg der Rechtsordnung) grundsätzlich aufheben? Anders gefragt – ist die Tatsache, dass die Funktionsfähigkeit des Finanzsystems ein öffentliches Gut ist (das in normalen Zeiten erhebliche Erträge abwirft) ein hinreichender Grund entstehende Verluste auf die Allgemeinheit abzuwälzen?

Ich kann diesen Grund nicht erkennen – ganz im Gegenteil. Der Staat delegiert an das Bankensystem (qua staatlicher Lizenz) einen Teil der staatlichen Hoheitsrechte – nämlich die Versorgung der Allgemeinheit mit Liquidität und Kredit nach bestimmten Regeln. Dieses Privileg der Banken ist machtvoll und (richtig ausgeübt) sehr profitabel. Warum also sollte die Allgemeinheit nicht erwarten dürfen, dass jene, denen der Staat dieses Privileg überträgt, nicht mit ihrem gesamten Vermögen haften?

Ich sehe auch keinen Nachteil den eine solche Regelung hätte, weder national noch international. Allenfalls technische Gestaltungsprobleme; aber die lassen sich über klassifizierte und verbriefte Nachschussverpflichtungen etc. lösen.

Umgekehrt ist der Traum von einem sich selbst tragenden privaten Bankensystem nach dieser Krise ausgeträumt. Der Staat (die Allgemeinheit) wird in letzter Konsequenz immer für das Bankensystem einstehen müssen; und weil das so ist, sollten die, die dieses Geschäft betreiben, zuerst und sehr viel empfindlicher haften.

Die neue Haftungsregel – nun für alle Vorstände – ist geradezu lächerlich, weil Aktionäre und Gläubiger kein Klagerecht haben. Text der Neuregelung: § 93 Absatz 2 des Aktiengesetzes wird folgender Satz angefügt:
„Schließt die Gesellschaft eine Versicherung zur Absicherung
eines Vorstandsmitglieds gegen Risiken aus dessen beruflicher Tätigkeit für die Gesellschaft ab, ist ein Selbstbehalt von mindestens 10 Prozent des Schadens bis mindestens zur Höhe des Eineinhalbfachen der festen jährlichen Vergütung des Vorstandsmitglieds vorzusehen.“

Wochenendgrüße!

Zu den politischen Ursachen der Subprime-Krise in den USA

Das „COMMITTEE ON OVERSIGHT AND GOVERNMENT REFORM” (*) des US Repräsentatenhauses hat am 7. Juli 2009 einen Untersuchungsbericht mit dem Titel “The Role of Government Affordable Housing Policy in Creating the Global Financial Crisis of 2008” herausgegeben.

Der Bericht untersucht die langjährigen gesetzgeberischen und politischen Initiativen zum Thema „affordable housing“ in den USA, die letztlich die regulatorischen Voraussetzungen und den politischen Druck für das Entstehen des Subprime-Hypothekenmarktes schufen.

Er beleuchtet auch die Grauzone der Interessenkonflikte und des „profit-sharings“ zwischen Gesetzgebern einerseits und den mächtigen Government Sponsored Enterprises (GSE) Fannie Mae und Freddie Mac sowie deren politischen Aufsichtsorganen HUD, OPHEO und deren Zusammenspiel mit der Bewegung, die als „Affordable Housing Coaltion“ in den USA bekannt wurde.

Als interessante Wochenendlektüre ist diese Untersuchung all jenen empfohlen, die sich um ein tieferes Verständnis für die Ursachen der Finanzkrise bemühen und schon immer den Verdacht hatten, dass ‘gute’ politische Absichten kein Gewähr für gute Ergebnisse sind.
(Im gleichen Kontext sei diesem Interessentenkreis das kleine Buch von Thomas Sowell, The Housing Boom and Bust, 2009 empfohlen – Video [34 Min.] hier.)

(*) Dieses Komitee ist praktisch ein ‘permanenter Untersuchungsausschuss’ des US-Repräsentantenhauses mit sehr breiten Vollmachten, das in unterschiedlicher Form seit 1816 existiert.

Abschreibungen im Bankensektor (Update)

In ‘Banken in Schwierigkeiten‘ hatten wir das globale, potenzielle Abschreibungsvolumen im Finanzsektor laut letzter Schätzung des IMF tabellarisch dargestellt – siehe nachstehende Tabelle:

Tabelle

Von den geschätzten 4.054 Mrd. US-Dollar sind alleine 2.712 Mrd. US-Dollar in den USA beheimatet.

Doch wie sehen die aktuellen Zahlen aus?

Laut Bloomberg hat der Finanzsektor weltweit bisher Verluste der Kredit und Finanzkrise in der Höhe von 1.469,4 Mrd. US-Dollar (19.6.2009) abgeschrieben. Regional verteilen sich diese wie folgt; Amerika 66%, Europa 31% und Asien 3%. Rekapitalisiert wurden dabei global per 19.6.2009 1.255,1 Mrd. US-Dollar; zu 59% in den USA, 35% in Europa und 6% in Asien – siehe Chart, links:

Es fällt die aktuelle Finanzierungslücke für den USA ins Auge. Zieht man zudem einen früheren Datenbestand heran, so hat die USA trotz des höheren Bedarfs erst später mit den Abschreibungen begonnen.

Banken in Schwierigkeiten – GFSR April 2009

Der IMF publizierte letzte Woche seinen halbjährlichen Global Financial Stability Report; konstatierte eine anhaltende, schwerwiegende Belastung des Weltfinanzsystems in dem Maße wie die Finanzkrise private Haushalte, Unternehmen und den Finanzsektor in Industriestaaten wie auch Schwellenländer erfasst.

In seiner Zusammenfassung spricht der IMF:

The global financial system remains under severe stress as the crisis broadens to include households, corporations, and the banking sectors in both advanced and emerging market countries. Shrinking economic activity has put further pressure on banks’ balance sheets as asset values continue to degrade, threatening their capital adequacy and further discouraging fresh lending. Thus, credit growth is slowing, and even turning negative, adding even more downward pressure on economic activity. Substantial private sector adjustment and public support packages are already being implemented and are contributing to some early signs of stabilization. Even so, further decisive and effective policy actions and international coordination are needed to sustain this improvement, to restore public confidence in financial institutions, and to normalize conditions in markets. The key challenge is to break the downward spiral between the financial system and the global economy. Promising efforts are already under way for the redesign of the global financial system that should provide a more stable and resilient platform for sustained economic growth.

Quelle: Zusammenfassung (PDF)

Eine weitere Aufstockung der potenziellen Abschreibungen des Finanzsektors bis 2010 wurde bekannt gegeben. Der IMF schreitet jetzt forsch voran; für sämtliche globalen Kredite und Finanzprodukte wird ein Volumen von 4.054 Mrd. US-Dollar ausgemacht, der Großteil hat seine Herkunft in den USA (2.712 Mrd. US-Dollar). Alleine die Höhe dieses Anteils verdoppelte sich nahezu, noch vor einem Jahr ging der IMF von 1.405 Mrd. US-Dollar aus.

Gut 60% (2.470 Mrd. US-Dollar) liegt bei den Banken, der Rest wird von Versicherungen und anderen Marktteilnehmern gehalten.

Nachfolgende Tabelle schlüsselt die potenziellen Abschreibungen hinsichtlich ihrer Herkunft auf; die ausstehenden Verbindlichkeiten haben ein globales Gesamtvolumen von 57.719 Mrd. US-Dollar, stehen in der Spalte ganz links.

Tabelle

Stimmungsaufhellung – Verbrauchervertrauen (Conference Board)

Das Verbrauchervertrauen nach Lesart des Conference Boards stieg im April um 12,3 Punkte auf 39,2 Punkte. Damit wurde der höchste Stand seit dem November letzten Jahres markiert. Ausschlaggebend war der Anstieg in der Erwartungskomponente, dieser Index kletterte um 19,3 Punkte auf 49,5. Der Index, der die aktuelle Situation abbildet, stabilisierte sich und konnte erstmals seit acht Monaten leicht zulegen (+ 1,8 Punkte). Nach 21,9 notiert er nun bei 23,7.

Nicht ganz so deutlich verbesserte sich im April das Verbrauchersentiment der Uni Michigan; die erste Schätzung ergab für den April einen Anstieg von 4,6 Punkten auf 61,9. Beide Umfragen sind nachfolgend abgebildet:

Verbrauchervertrauen nach Lesart des Conference Boards

Quelle: Conference Board

Die ‘weichen’ Konjunkturindikatoren  zeigen allerorten  Verbesserungen; es fehlt allerdings noch an der Untermauerung durch die ‘harten’ Indikatoren.

Stimmungsaufhellung – The Moody’s Economy.com Survey of Business Confidence

Das globale Unternehmenssentiment hat die vierte Woche infolge von -24,1 auf zuletzt -21,9 zugelegt. Es notiert jetzt auf dem höchsten Niveau seit Oktober letzten Jahres. Das Allzeittief von Ende letzten Jahres wurde im März noch einmal angetestet, aber nicht unterschritten.

Das Sentiment in den Unternehmen sei laut Moody’s Economy.com immer noch schwach; wesentliche Verbesserungen waren in Asien und Südamerika zu beobachten, wenn auch anderen Orts die Stimmung gehobener war. Das Ende der globalen Rezession anzunehmen sei verfrüht; die jüngsten Umfragen allerdings durchaus hoffnungsvoll.

Global business sentiment is improving. Confidence remains very weak, but it improved last week to its best level since late last October. Much of the improvement has been in Asia and South America, although sentiment is more upbeat everywhere. Expectations regarding the outlook six months hence are particularly buoyant. Current sales strength remains the notable weak spot; it has yet to show any gains. It is premature to conclude that the global recession is ending, but recent survey results are somewhat encouraging.

Quelle: The Moody’s Economy.com Survey of Business Confidence

Anzahl der Länder die sich in einer Rezession befinden

Der IWF hat in seinem World Economic Outlook vom April 2009 folgende Grafik veröffentlicht.

Helmut Wüllenweber Wüllenweber

Financial Panics = Political Change

Für Interessierte das Neueste von Martin Armstrong (15.4.2009, 22 Seiten, PDF, 10 MB):

Financial Panics = Political Change