KID Konjunktur-Indikator Deutschland im Juli 2009
Rezessionsende in Sicht
Der neue Berichtszeitraum begann, wie der alte geendet hatte: äußerst erfreulich.
Der ZEW-Index stieg zum achten Mal in Folge, diesmal um 13.7 Zähler von 31.1 auf 44.8 und damit inzwischen sogar weit über seinen historischen Mittelwert von 26.3 Punkten. Selbst die Lage-Komponente für Deutschland verbesserte sich erstmals von 86.6 auf 89.7, was von ZEW-Präsident Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Wolfgang Franz so kommentiert wurde: “Dieser vorsichtige Optimismus sollte nicht durch übermäßig pessimistische Mutmaßungen bereits im Keim erstickt werden.” Wohl wahr. Jedoch “Es fehlt der Glaube”, schrieb das Handelsblatt. Dieser Glaube ist jedoch eine eindeutig philosophisch religiöse und keine real wirtschaftliche Komponente.
Auch das Kieler IfW, der Internationale Währungsfonds IWF und die Deutsche Bank sehen nun bereits für den Sommer 2009 ein mögliches Ende der Krise – erwartungsgemäß, siehe dazu die KID-Prognose zur weiteren Entwicklung vieler Prognosen im Jahresverlauf. Nach allgemeiner Stimmungswende dreht jetzt mit Zeitversatz auch die Stimmung der Experten. Selbst Nouriel Roubini, dem die Finanzkrise zum Guru-Status eines “Propheten des Untergangs” verhalf, sieht nun ein baldiges Ende der Rezession, wenn auch mit in Folge nur langsamer Erholung speziell in Europa, wo man, seiner Meinung nach, viel zu sehr mit Steuergeldern geize. Den “geilen Geiz” an grundsätzlichem Optimismus in der alten Welt kennt er als US-Amerikaner iranisch-türkisch-israelischer Herkunft offenbar nicht. DIW-Präsident Klaus Zimmermann hatte schon 2008 erklärt, der mediale Wettlauf von Wirtschaftsforschungsinstituten und Bankanalysten in Richtung immer düsterer Prognosen würde Schwere und Länge der Wirtschaftskrise hierzulande verschärfen. Im Gegensatz zu einer Rezession ist und bleibt die Depression ein grundsätzlich psychologisches und kein ursprünglich volkswirtschaftliches Geschehen. Man kann sich dort ergo prima hineinreden und hineinsteigern – oder es bleiben lassen. Der realen wirtschaftlichen Entwicklung bleibt in dieser Hinsicht letztendlich aber auf Dauer nichts anderes übrig, als der kollektiv unbewussten Grundsatzentscheidung einer überwiegenden Mehrheit als letztendlich selbsterfüllender Prophezeiung zu folgen.




5 Kommentare
“tolle Grafik und viel Geschwafel” – eine nachvollziebare Argumentation,
warum es nun wieder aufwärts gehen soll: Fehlanzeige.
eine einfache, leicht nachzuvollziehende Argumentation sieht in etwa so aus:
”
Erstens führen sinkende Arbeitseinkommen zu einem geringeren Konsum der Haushalte. Da der private Konsum in den USA 70 Prozent der Wirtschaftsleistung ausmacht – und in anderen Industrieländern ähnlich hohe Werte aufweist – ist dies ein Hinweis darauf, dass die Rezession länger dauern und die Erholung im nächsten Jahr anämisch ausfallen wird.
Zweitens werden die Arbeitsplatzverluste zu einer langwierigeren und stärkeren Immobilienrezession führen, da Arbeitslosigkeit und geringere Einkommen Hypothekenausfälle und Zwangsversteigerungen in die Höhe treiben.
Drittens: Fügt man in Kreditausfallsmodelle eine Arbeitslosenrate von zehn oder elf Prozent ein, ergeben sich hässliche Zahlen. Und das nicht nur bei Eigenheimen, sondern auch bei Gewerbeimmobilien, Kreditkarten, Studien- und Autokrediten. Die Verluste der Banken aus ihren toxischen Papieren und ihr Kapitalbedarf werden viel höher sein als angenommen, und das wiederum wird die Kreditklemme verschärfen.
Viertens erhöhen Arbeitsplatzverluste die Neigung zu protektionistischen Maßnahmen, da die Regierungen unter Druck geraten, im Inland Arbeitsplätze zu retten. Dadurch droht der globale Handel noch weiter zu schrumpfen. ”
oder, wie Wolfgang Braun passend schreibt:
In letzter Zeit liest man viel über eine bevorstehende konjunkturelle Trendwende. Die Optimisten berufen sich dabei auf die Vorläuferfunktion der Börsen sowie auf einige Frühindikatoren wie die ZEW-Konjunkturerwartungen, die sich von ihren extrem niedrigen Niveaus teils kräftig erholt haben. Mit harten fundamentalen Daten lassen sich die Hoffnungen dagegen schwer erklären. Und der gesunde Menschenverstand fragt: Woher soll der Aufschwung eigentlich kommen?
Jahrelang wurde die Weltwirtschaft von den US-Verbrauchern getragen. Wegen der Rekordverschuldung im Privatsektor fällt diese Konjunkturlokomotive künftig weg, zumal die Arbeitslosigkeit in den USA weiter steigt und wichtige Assets wie Häuser und Aktien stark an Wert verloren haben. Jetzt sitzen viele US-Bürger auf einem Berg Schulden und müssen um ihre Jobs bangen. In Deutschland war der Konsum bislang noch stabil. Der abzusehende Anstieg bei den Arbeitslosenzahlen dürfte aber auch hier die Lust am Shoppen empfindlich dämpfen.
Auf eine konjunkturelle Stütze durch Unternehmensinvestitionen sollten Anleger nicht setzen. Dies- und jenseits des Atlantiks stehen zahlreiche Maschinen still. In den USA ist die Kapazitätsauslastung im Mai auf den tiefsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen 1968 gefallen. In diesem Umfeld macht die Anschaffung neuer Maschinen keinen Sinn. Und auch die Exportchancen, vor allem durch das Widererstarken Chinas angefacht, sollten nicht überbewertet werden. Das BIP im Reich der Mitte ist kaum größer als das der Bundesrepublik. Dazu gab es vom Regime zuletzt protektionistische Bestrebungen, was unsere Exportchancen dämpft. Die Importe Chinas waren in den letzten Monaten ohnehin schon stark rückläufig. Einen Exportschub für die Industrieländer ist durch China vorerst also nicht zu erwarten.”
p.s.: mit der “sich selbst erfüllenden Prophezeiung” hat der Konsumrückgang wenig zu tun;
der Konsum der letzten Aufschwungsphase wurde nun einmal mit “immobiliengesichertem-Konsum-auf-Pump” finanziert,
und damit ist nun eben Schluss.
Herr Spörer, Ihr Optimismus ist in der Tat schwer nachvollziehbar; da hat Florian ganz recht, wenn er hier Nouriel Roubini zitiert.
Natürlich können wir uns darüber freuen, dass, anders als nach 1929, der ökonomische Totalschaden diesmal ausbleiben dürfte. Das ist aber nur(!) deshalb so, weil Regierungen und Zentralbanken im Herbst 2008 die Finanzakrobaten aller Länder (gezwungenermaßen) sorgenfrei gestellt haben.
Indes ist damit auch bewiesen worden, dass im modernen Radau-Kapitalismus die wirklich relevanten Risiken und Schäden des Systems konsequent sozialisiert werden. Langfristig wird diese regierungsamtlich organisierte Verantwortungsfreiheit der Finanz”elite” deshalb nur immer wildere Sumpfblüten hemmungsloser Spekulation austreiben.
Aber lassen wir die allgemeinen Erwägungen mal für einen Moment beiseite. Da die “große Depression” also abgewendet werden konnte, ist es nun doch nicht so überraschend, dass die Rezession jetzt mal einen Boden findet. Und etwas anderes zeigt keiner der zitierten Indikatoren an.
Indes sind große Höhenflüge von hier nicht mehr zu erwarten. Insbesondere für den Westen sieht es recht finster aus.
Zur traurigen Wahrheit gehört nämlich auch, dass der geplünderte Planet ressourcentechnisch so langsam aus den letzten Löchern fiept. Bspw. ist es nicht mehr möglich, noch große zusätzliche Mengen an Öl für weiteres Wirtschaftswachstum verfügbar zu machen, ohne dass man zu sehr teuren Fördermethoden greifen muss.
Die Energieverbraucher mussten daher 2008 im Vergleich zu 2005 für Öl, Gas und Kohle weltweit 1,9 Billionen Dollar mehr aufwenden (berechnet nach BP Statistical Review of World Energy 2009). Schon in wenigen Jahren wird der Weltölverbrauch wieder auf dem Niveau von 2008 sein – allein wegen des Mehrbedarfs der Entwicklungsländer und auch ohne Erholung der westlichen Wirtschaften. Die Energiepreise werden dann sehr schnell wieder das Niveau von 2008 erreichen. Der Stress für die westlichen Konsumenten wird dann nochmals deutlich steigen. Und eine weitere Verschuldungsorgie, um das Konsumniveau trotz steigender Energiepreise halten zu können, wird kaum möglich sein.
Die kaputten Bilanzen der privaten Wirtschaftssubjekte verhindern einen echten neuen Boom. Die wachsende Arbeitslosigkeit zerstört die privaten Bilanzen noch weiter. Energie ist – mitten in der Rezession! – immer noch recht teuer und wird mit dem Wachstum der Schwellenländer demnächst noch teurer werden und die westlichen Volkswirtschaften erneut mit zusätzlichen Billionenbeträgen belasten.
Worauf beruhte denn das Wirtschaftswachstum zuletzt? Auf der Ausplünderung der Zukunft durch das Aufpumpen von Kreditblasen und exzessivem Verbrauch fossiler und daher begrenzter(!) Naturressourcen. Der “Neoliberalismus”, das ist kein System des verantworteten Wirtschaftens, sondern eines der lustigen Plünderung und des “In den Tag lebens”. Nur hinterlassen Raubzüge nun mal verbrannte Erde und keine fruchttragenden Felder. Was passiert, wenn keine neuen Äcker mehr da sind, die niedergebrannt werden können? Was, wenn ein strukturell nicht nachhaltiges System an seine Ressourcengrenzen stößt?
Florian schrieb “das BIP Chinas ist kaum größer als das Deutschlands”. SLGramann schrieb “Schon in wenigen Jahren wird der Weltölverbrauch wieder auf dem Niveau von 2008 sein-allein wegen des Mehrbedarfs der Entwicklungsländer und auch ohne Erholung der westlichen Wirtschaften”. Wenn die Schwellenländer zu klein sind, die Industriestaaten sich aber nicht erholen, woher kommt dann die gigantische Nachfrage nach ÖL? Das verstehe ich nicht. Vielleicht kann mir das jemand erklären!? Gruß Psycho
M.E. werden die nun auf breiter Front anziehenden Asset-Werte, intepretiert als Beginn der Erholung, mit dem nun einsetzenden Crack-Up-Boom und dem Inflationstsunami verwechselt.
Die steigenden Aktien sind bereits Auswirkungen der gewaltigen Liquiditäts- und Überschußreserven, die in den letzten Monaten aufgetürmt wurden.
Bin schon gspannt, was Heli-Ben tun wird, wenn die US-Anleihen abverkauft werden, weil die Realverzinsung ins Bodenlose fällt…
Ich tippe darauf, wir werden bei weiter zurückgehender Wirtschaft steigende Aktien-, Energie- und Edelmetallpreise erleben.
Es wäre auch möglich, wenn die Notenbanken zu lange die Zinsen unten lassen, und damit marktrichtige Zinsen der Banken verhindern, daß ein schleichender Bank-Run erzeugt wird, der das Eigenkapital der Banken abermals unter die Mindestreservensätze abfallen läßt – nur diesmal TROTZ legalisierter beliebiger Buchführung.
Schoerner hat recht. Sehe ich genauso. Spannend wird sein zu sehen, wie lange die extremen Bemühungen der Staaten und Notenbanken den Systemwechsel hinauszögern. Ich kann mir auch gut vorstellen, daß dies ein paar Jahre sein können. Allerdings dürfte dies die letzte Blase so aufgepumpt haben, daß ein schleichender Bank-Run gar nicht mehr in Frage kommt.
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