Wie schlimm ist „schlimm“?
Die FAZ zeigt heute auf der Titelseite eine Lebensmittelkarte aus dem Jahr 1950 und überschreibt das Bild mit „So schlimm wird es nicht“.
Aber, wie schlimm ist schlimm? Werden wir Hunger leiden? Werden wir völlig verarmen und in behelfsmäßigen Unterkünften wohnen und arbeitslos vor Suppenküchen Schlange stehen?
Langsam beschleicht mich der Eindruck diese Krise, und eine Krise wird es zweifellos sein, wird gegenwärtig medial überzeichnet.
Gestern hat die Bundesbank (BB) ihren Bericht zur “Lage der Nation in 2009 und 2010“ veröffentlicht. Dort spekuliert die Bundesbank, dass das
Bruttoinlandsprodukt 2009 um 0,8 Prozent sinken wird.
Im Detail argumentiert die BB „Insgesamt ist für das letzte Jahresviertel 2008 mit einer weiteren spürbaren Einschränkung der gesamtwirtschaftlichen Aktivität zu rechnen.“ Und fährt dann fort: „Im Einklang mit den Annahmen zur Entwicklung des weltwirtschaftlichen Umfelds geht die Basisprojektion davon aus, dass in Deutschland im Jahr 2009 die konjunkturelle Schwäche zwar anhalten wird, es aber im Jahresverlauf zu keinen weiteren größeren Produktionseinschränkungen mehr kommt.“ (Beide Zitate S. 20)
Träte diese Entwicklung, wie von der BB prognostiziert ein, müssten wir die Hälfte des BIP-Wachstums aus dem insgesamt noch positiven Jahr 2008 (BIP +1,6%) im Verlauf des Jahres 2009 „wieder abgeben“, stehen aber insgesamt immer noch besser da als Anfang 2008. Und selbst wenn die Schrumpfung des BIP doppelt so hoch wäre, wie von der BB geschätzt, hätten wir Ende 2009 schlimmstenfalls zwei Kalenderjahre kein Wachstum gehabt. Das ist das heute erkennbare Ausmaß der „schlimmsten Krise seit 1929“ – so der geschätzte Otmar Issing, ehemals volkswirtschaftlicher Augur der EZB.
Zum Vergleich – in der sog. Weltwirtschaftskrise halbierte sich das Bruttosozialprodukt von 1929 bis 1933. Könnte sich 1929 wiederholen? Unwahrscheinlich, deflatorische Prozesse sind zwar tückisch und wirtschaftspolitisch schwierig zu beherrschen, aber noch sind wir deutlich von einer deflatorischen Entwicklung entfernt. Keine einzige Volkswirtschaft, die ich beobachte, weist in der Prognose absolut sinkende Verbraucherpreise für 2009 aus. Alles was wir heute sehen können, sind dis-inflationäre Entwicklungen – vornehmlich im Bereich der Rohstoffmärkte. Und – diese disinflationäre Entwicklung bringt Kaufkraft zu den Konsumenten.
Viel desolater als in der realen Volkswirtschaft ist das Bild an den Kapitalmärkten. Diese bezahlen heute die Rechnung einer weltweiten Zentralbankpolitik, die „asset bubbles“ ignorierte. Nun rächt sich diese Ignoranz, weil Vermögens- und Bilanzeffekte der Halter dieser „Bubble-assets“ eben sehr wohl die Realwirtschaft heftig tangieren.
Auf rund USD 30 Billionen belaufen sich die Wertverluste allein bei Aktien bisher – Details hier– Seite 28ff . Das entspricht in der Dimension mehr als dem zweifachen Bruttosozialprodukt (2007) der USA. Für die nachhaltige Wirkung von Vermögenseffekten in dieser Größenordnung gibt es historisch keine Parallelen. Zum Teil erkennen wir zwar die Wirkung (Bankbilanzen) zum Teil sind sie (noch?) nicht erkennbar, oder werden für immer verborgen bleiben (wer schert sich um meine Verluste?). Die nachhaltige Wirkung dieser Wertverluste scheint mir in allen Prognosen die große Unbekannte. (Die Bundesbank hierzu: „Die beträchtlichen Kursrückgänge an den internationalen Aktienmärkten haben zudem zu erheblichen Vermögensverlusten geführt und dürften den Ausgabenspielraum von dieser Seite her einschränken. Allerdings ist der Aktienanteil am Gesamtvermögen der privaten Haushalte gering und recht ungleichmäßig verteilt.“)
Aber auch hier scheint mir die Perspektive nicht so düster wie dieser „Substanzverlust“ zu signalisieren scheint. Denn „Substanz“ ist letztlich nicht entscheidend. Jeder der Aktien hält, weiß was sein „Anspruch“ ist: „Das was übrig bleibt“ – entweder als Liquidationserlös oder als Gewinn und bezahlt wird immer der zukünftige Gewinn. Lassen wir den Liquidationserlös außer Acht und fragen uns was ist eine Aktie wert, die schlimmstenfalls zwei Jahre lang nur rund die Hälfte des bisherigen Gewinnes erwirtschaftet (so, die dramatischsten Dax-Gewinn-Prognosen, die ich gesehen habe). Jeder Betriebswirt könnte dies anhand konkreter Zahlen mittels verschiedener Methoden schnell beantworten. Leider haben wir die notwendigen Zahlen für die Rechnung aber nicht, kennen aber das was ein Anleger für diese Erwartung zahlt: Der DAX (Performance-Index!) steht (nach meiner Rechnung) ca. 46 Prozent unter dem Höchststand im Juli 2007 (8092,77).
Für jene, die das Sitzfleisch haben, ist es meines Erachtens Zeit diesen geprügelten Markt unter die Lupe zu nehmen und jene Rosinen zu picken, die lange viel zu teuer waren, oder jene, die überdurchschnittliche Kursverluste aufweisen und nach menschlichem Ermessen überleben werden – damit wir auch in Zukunft nicht verhungern werden…
“There’s a saying on the options floor, that you buy low volatility and sell high volatility, but when it gets very high, you buy it,” he says. “High volatility, you sell, but extremely high volatility is telling you something, and markets tend not to price in that kind of move.” -Steven Gross-
Und noch ein Zitat, weil’s so schön passt:
‘Theme Song’ aus “Casablanca” (1942) [Regie: Michael Curtiz 1886-1962] “As Time Goes By”:
„You just remember this, a kiss is still a kiss, A sigh is just a sigh, the fundamental things apply, as time goes by. And when two lovers woo, they still say ›I love you‹, on that you can rely, no matter what the future brings, as time goes by. Moonlight and love songs never out of date, hearts full of passion, jealousy and hate. Woman needs man and man must have his mate that no one can deny. It’s still the same old story, a fight for love and glory, a case of do or die, the world will always welcome lovers, as time goes by.” [Song Writer: Herman Hupfeld (1894–1951), Musik: Jule Styne (1905-1994)]
Ein schönes Nikolaus-Wochenende, besonders an die liebenswürdige Gastgeberin!



