KID Konjunktur-Indikator Deutschland im November
Psychologie des Abschwungs
… erleben wir momentan täglich auf allen Kanälen unserer Informationsgesellschaft als mediales und kommentierendes schweres Dauerfeuer aller Kaliber. Das (halb-amerikanische) Wort “Subprime-Krise” ist aus der Berichterstattung fast gänzlich verschwunden, der Begriff “Bankenkrise” taucht deutlich seltener auf. Beides ist nun durch das gebetsmühlenartig permanent wiederholte neue Mantra “Rezession” ersetzt worden. In der eben angelaufenen Berichtssaison für die Ergebnisse des dritten Quartals 2008 werden schlechte Zahlen als negative Verstärkung, gute Zahlen jedoch nicht mehr als “überraschend gut” oder “erfreulich positiv”, sondern allenfalls als “noch positiv” dargestellt – mit schicksalsschwangerer Betonung auf “noch”.
Fazit im allgemeinen Konsens: Die US-Krise ist, nach den internationalen Banken, nun auch endgültig in unserer Realwirtschaft angekommen. Ist sie das wirklich? Abgesehen vom Banken- und Finanzsektor könnte man die aktuellen Quartalszahlen beim BIP und aus den Unternehmen durchaus noch als “gut bis teils durchwachsen” bezeichnen. “Deutschland sackt in die Rezession” titelt stattdessen das Handelsblatt, mitsamt einer dramatischen Farbillustration obendrüber, die ein bösartig grinsendes Monster mit Kettensäge zeigt, das sich offensichtlich nach erfolgreicher Zerstörung des im Hintergrund kokelnden Banken-, Finanz- und Börsenviertels nun dem noch unversehrten Industriegebiet in böser Absicht mit gebleckten Zähnen nähert. Andere Medien verkündigen Deutschland derweil “Tränen unterm Tannenbaum” oder drohen dem Bürger halloweenesk mit dem “Gespenst der Großen Depression”.
Der graue November scheint zudem ideal prädestiniert, Herz und Hirn per Druckbetankung mit düstersten Zukunftsvisionen zu erfüllen – während der scheue Blick aus dem Fenster eigentlich noch “ganz normale Verhältnisse” und dazu gesunkene Benzin-, Heizöl- und Lebensmittelpreise zeigt. Aber ausgerechnet die, welche als rechtzeitige Mahner eines möglichen Abschwungs versagt haben, profilieren sich jetzt um so lauter als fachkundige Demagogen des drohenden Untergangs. Die psychologische Stimmung ist noch immer weitaus schlechter als die realwirtschaftliche Lage. Die akut reale Gefahr liegt deshalb längst nicht mehr in der inzwischen weitgehend identifizierten, eingedämmten und damit bewältigten Krise selbst, sondern heute vielmehr in einer sich selbsterfüllenden Prophezeihung der Angst vor dem spät wahrgenommenen zyklischen Abschwung – dem ganz sicher in Zukunft auch wieder ein zyklischer Aufschwung folgen wird. Die Stimmung selbst bildet dabei nicht nur meistens die Talsohle, sondern entscheidet auch maßgeblich, auf welcher Tiefe sich diese Bodenbildung abspielen wird. Wichtiger als die stündliche mediale Verkündigung einer schweren Rezession bleibt also die Frage nach Stärke und Dauer derselben.




2 Kommentare
Soso, “der nächste Konjunkturfrühling kommt ganz bestimmt!” meint der Author.
Dann wären die Dinosaurier niemals ausgestorben wenn der nächste Aufschwung immer “ganz bestimmt” kommen würde.
Klar könnte ich z.B. angesichts eines auf die Erde zurasenden 20 kM Asteroiden auch sagen “der nächste Aufschwung kommt bestimmt” da ja bestimmt ein paar Schaben und Bakterien das überleben würden und Milliarden Jahre danach eine neu entstandene intelligente Spezies wieder einen Wirtschaftsaufschwung erleben würde.
Wenn unser System richtig crasht und dieser Crash in weltweite alles vernichtende Kriege mündet (was der Author anscheinend in seinem Weltbild überhaupt nicht vorgesehen hat) dann kann man all die hübschen Graphen erstmal für lange Zeit in die Tonne treten.
Es ist dem Author hoffentlich bewusst dass der Planet Erde ein endliches System ist welches man nicht unbegrenzt belasten kann? Anscheinend nicht.
Man könnte natürlich auch in TA Manier argumentieren die langfristige Unterstützungslinie des KID O. wurde durchbrochen und damit ist der Weg nach unten offen.
Ich würde eher sagen wir nähern uns dem Auge des Wirbelsturms und werden für einige Monate eine trügerische Ruhe erleben und dann werden die Hoffnungen auf ein Weiterwursteln nach den alten Rezepten völlig zerstört.
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