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Schwere Krise nicht wahrscheinlich – aber auch nicht unmöglich

11.04.2008 Faz.net Der Makroökonom Harald Uhlig kritisiert im Interview mit der FAZ die Risiken einer Politik, die zwar den Banken hilft, aber neue Probleme schafft.
Wie es aussieht, gleiten die Vereinigten Staaten im ersten Halbjahr in eine Rezession. Fürchten Sie, dass es ein schwerer Einbruch sein wird?

Bislang sieht es nicht danach aus. Ich glaube hier Ben Bernanke, dem Vorsitzenden der amerikanischen Notenbank Fed, dass die Rezession recht milde sein wird und sich die Wirtschaft im zweiten Halbjahr wieder erholt. Er hat sicherlich auch Grund zum Zweckoptimismus. Wenn er stattdessen sagte, dass die Banken alle einstürzen, dann würde er mit solchen Worten die Krise selbst verursachen. Es könnte allerdings sein, dass das Kartenhaus der Wall-Street-Banken doch noch einbricht. Die schlechten Nachrichten kommen ja nur tröpfchenweise heraus. Wer weiß, vielleicht haben die doch noch Leichen im Keller. Dann könnte es doch noch zu einem großen „Run“ auf die Banken kommen, und wir hätten eine schwere Krise. Das ist nicht wahrscheinlich, aber sicher nicht unmöglich.

Die Fed hat vor kurzem die Rettung der Investmentbank Bear Stearns durch einen Kredit über 30 Milliarden Dollar ermöglicht. Bernanke schätzt das „systemische Risiko“ höher ein als das Risiko von Fehlanreizen, wenn letztlich der Steuerzahler spekulative Pleitiers rettet . . .

Wahrscheinlich hat Bernanke seine Sache letztlich richtig gemacht. Er kennt die Details der involvierten Banken. Mich hat die Rettungsaktion aber dennoch erschreckt. Es ist nicht die Aufgabe der Fed, eine einzelne Bank, die sich verspekuliert hat, herauszuhauen. Wenn Bear Stearns den Bach runtergeht, dann sei’s drum. Bernanke muss große Angst gehabt haben, dass ein Bankrott von Bear Stearns einen „Run“ auf andere große Banken und eine Katastrophe an der Wall Street ausgelöst haben könnte.

Die Fed hat seit September die Leitzinsen von 5,25 Prozent auf 2,25 Prozent gesenkt. Hilft das der Wirtschaft?

Es hilft zunächst mal den Banken, die sich erheblich preiswerter refinanzieren können. Hilft es der Wirtschaft? Eher wenig, glaube ich. Meine Forschungen haben gezeigt, dass der Effekt dieser Zinssenkungen auf die Wirtschaft unklar ist. Eine Rezession kann man damit eher nicht verhindern.

Welche Folgen hat die starke Lockerung der Geldpolitik dann?

Wenn die Fed den Geldhahn aufdreht, wird die Währung abgewertet. Wir sehen schon jetzt, dass der Wechselkurs des Dollar stark nachgegeben hat. Mittelfristig bildet sich ein ziemliches Inflationsproblem. Um die Banken zu retten, belegt die Fed alle, die Dollar in der Tasche haben, mit einer Inflationssteuer. Und die riesigen Geldmengen, die jetzt auf dem Markt sind, müssen wieder abgesaugt werden.

Die ausgewiesene Inflationsrate liegt in Amerika deutlich über 4 Prozent. Haben die Währungshüter das aus dem Auge verloren?

Es gibt einen großen Unterschied zwischen Amerika und dem Euro-Raum: Die Europäische Zentralbank hat das Mandat, die Preise stabil zu halten, aber die Fed hat das nicht. Bernanke hat zwar bei seiner Ernennung versucht, die Senatoren zu überzeugen, dass die Fed langfristig vor allem die Inflation steuern sollte. Aber beschlossen wurde es nicht.

Könnte es in Amerika zu einer Stagflation kommen, also einer stagnierenden Wirtschaft bei zugleich hoher Inflation?

Wir werden in den kommenden Monaten erleben, dass die Wirtschaft stagniert oder schrumpft und die Inflation bei 4 bis 5 Prozent liegt. Das könnte man Stagflation nennen.

Regierung und Kongress haben ein großes Konjunkturprogramm aufgelegt, um Konsum und Investitionen zu stimulieren. Man nimmt dafür hohe Defizite in Kauf. Wird diese Politik helfen?

Ich habe große Zweifel. Solche Konjunkturprogramme sind wie „Strom aus der Steckdose“ – der muss ja irgendwo produziert werden. Das Geld, das die Regierung den Leuten gibt, muss sie ihnen an anderer Stelle später wieder abnehmen. Man verlagert die Lasten in die Zukunft. Hohe Schuldenlasten müssen irgendwann zurückgezahlt werden, und das belastet die Wirtschaft schon jetzt. Möglicherweise haben auch die hohen Ausgaben durch den Irak-Krieg zur gegenwärtigen Misere beigetragen.

Wie stark trifft die Rezession in den Vereinigten Staaten den Euro-Raum?

Der europäische Konjunkturzyklus ist flacher als der amerikanische. Ich erwarte nicht, dass die amerikanische Rezession stark durchschlagen wird. Hinzu kommt, dass viele Investoren jetzt ihr Augenmerk auf Europa richten, denn Europa erscheint im Vergleich zu Amerika als die gesunde Ökonomie. Die Wirtschaftszahlen in Deutschland sehen wunderbar aus.

Teilen Sie also die These, dass sich Europa von Amerika konjunkturell abkoppeln kann?

Der Großteil des europäischen Wirtschaftsgeschehens passiert innerhalb Europas. Außerdem exportieren die Europäer auch kräftig nach Asien. Sicher, auch die asiatischen Wirtschaften werden unter der amerikanischen Rezession leiden. Es gibt zwar so etwas wie eine Weltkonjunktur, doch der Effekt für Europa wird milde sein.

Der Euro-Wechselkurs beunruhigt viele deutsche Exporteure. Schadet das sehr?

Der hohe Wechselkurs hat immer zwei Seiten: Er mag schlecht sein für die Exporteure, aber er ist gut für die Importeure. Die EZB hat das Mandat zur Wahrung der Preisstabilität. Im Moment hilft der hohe Euro-Wechselkurs, weil er den Inflationsdruck vermindert.

Ergänzung: Eine Rezession in den Vereinigten Staaten von Amerika, mit einem Anteil am Weltbruttosozialprodukt von 28 Prozent, gilt mittlerweile als sehr wahrscheinlich. Die wichtigsten Handelspartner Deutschlands im Überblick:

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Helmut Wüllenweber

2 Kommentare

1 Cordula - 14.04.2008 um 17:27

Deine Aufstellung der deutschen Handelspartner habe ich zum Anlass genommen, mal die Wachstumsraten des deutschen Bruttoinlandsproduktes und der US-Importe, also deutschen Exporte, gegenüberzustellen.

2 Der Gnom aus Kapstadt - 14.04.2008 um 19:24

“Wer weiß, vielleicht haben die doch noch Leichen im Keller.”

Wäre interessiert den Namen von dem Kraut das er raucht zu erfahren …

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